Donnerstag, März 04, 2021

Und am Anfang schuf er das Ende …Teil 2

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Und am Anfang schuf er das Ende …Teil 2

Was Gulbransson zum Schreiben verlockt, ist die allgegenwärtige Komik der menschlichen Natur. Besonders der männlichen. Er erzählt beredt von einem Zeitungsbericht, der ihn restlos fasziniert: In den Wäldern Oregons treffen sich regelmäßig ein paar Typen – zu dem einzigen Zweck, schrottreife Autos mit einem selbst gebauten Riesenkatapult möglichst weit durch die Gegend zu schleudern. „Das täte keine Frau, denn es ist völliger Quatsch.“, gibt Gulbransson zu, „Jeder Mann mit einem halben Hirn weiß das im Grunde auch. Dennoch tut er es. Ich bin da keine Ausnahme.”

Eines der beiden Telefone klingelt. Bevor der Hörer abgenommen wird, eine schnelle Erklärung von ihm: „Vermutlich jemand vom Verlag, wegen einer dringenden Änderung. Vielleicht muss ich unser Gespräch hier gleich abbrechen.“ Das zweite Telefon klingelt. Ping-Pong-artig fliegt die Konversation wie in seinen Comics hin und her. Allerdings sieht man hier nur eine Person die Textblase in die Luft sprechen. Seine Gedanken springen wie von Eisscholle zu Eisscholle, immer aufnahmebereit. Kommunikation ist dem Zeichner Lebensthema. Eines seiner Lieblingszitate, das bei ihm immer wieder Gänsehaut – Verzeihung, Entenpelle – auslöst, stammt von Hillary Clinton. Für die Antwort auf die Frage, was die Beziehung zu ihrem Mann ausmacht, fand sie die folgenden Worte: „Bill und ich haben 1968 ein Gespräch begonnen, und dieses Gespräch ist bis heute nicht beendet.“

Sein Pendant hat Gulbransson in seiner Frau Ulla gefunden. Er schildert sie begeistert als eine Frau, die nach einer fünfzehnminütigen Straßenbahnfahrt mit einer Dreißig-Minuten-Story zurückkommt.Darauf angesprochen, ob seine Frau sein Motor im Leben sei, fährt er sich kurz durch ein paar Haarsträhnen, rückt die Brille zurecht und erklärt: „Sie sollten die Frage anders stellen. Wenn Sie sich danach erkundigen würden, auf was ich im äußersten Notfall verzichten könnte, würde ich sagen, auf das Motorradfahren, Stones-Platten, Pfeiferauchen, letztlich sogar auf das Zeichnen. Nur auf Ulla nicht. Aber sie ist nicht mein Motor. Sie ist mein Zentrum. Der Motor bin ich selbst.“

Worüber redet so ein Paar seit vierzig Jahren? Gulbransson erzählt von einer Ampel, die ihm tagtäglich dieselbe unfreiwillige Wartepause aufzwang. Es war jedes mal dieselbe Straßenkreuzung, auf der Hinfahrt ebenso wie auf der Rückfahrt, doch dessen war er sich lange Zeit nicht bewusst. Stattdessen vermutete er zwei hundsgemeine Ampeln an seinem Weg. Irgendwann jedoch wurde ihm klar: Er betrachtete die Ampel einmal von der einen und einmal von der anderen Seite. Oft geht es zwar um die gleiche Sache, aber die Standpunkte, die Perspektiven sind unterschiedlich. Genau hierin liegt für ihn der Spaß im Leben als Paar. Eine immer währende Herausforderung. Der Kilimandscharo lässt grüßen.

Seine eigenen Grenzen weiß er einzuschätzen. Vergleichbar mit einer Katze, die nur so hoch springt wie ihr Ziel, das sie anvisiert hat. Nicht höher und nicht tiefer. Ein Stratege, der jeden Arbeitsschritt zu vereinfachen versucht, keine Handbücher liest und seine Tastenkombination auf dem Computer eher zufällig findet. Bei einem Arbeitspensum von sechzehn Stunden am Tag an sieben Tagen der Woche ein entspannter Perfektionist eben.

Auf den Schnabel zu fallen nimmt er in Kauf. „Niederlagen sind nicht die Hölle und Erfolge nicht der Himmel. Reich kannst Du mit dem Job sowieso nicht werden, aber glücklich“, sagt er. Und da glückliche Menschen mehr Spaß machen als Unglückswürmer, ist ein Gespräch mit Gulbransson als solches ein Vergnügen. Der Rest findet sich in dem, was der Autor und Zeichner zu Papier bringt. Und das ist neben Inspiration, Transpiration eine gute Story und Gulbransson zufolge primär ein guter Schluss.

Wie sagt Gulbransson so schön: „It ain’t over until the fat lady sings.” Hoffentlich tritt die korpulente Lady nie auf. Schließlich ist es Jan Gulbransson, der den Schlussstrich zuerst zieht.

The EnTe

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