Donnerstag, November 14, 2019

Kinderheim Villa Südwind: Ein Haus, ein kunterbuntes Haus

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Kinderheim Villa Südwind: Ein Haus, ein kunterbuntes Haus

Sie müssen leben, obwohl sie am liebsten sterben würden. Wenn Kinder in ihren Familien Schlimmes erfahren, werden sie in einer grundlegenden Sache erschüttert: in ihrem Urvertrauen. In der Villa Südwind in Reichersbeuern bei Bad Tölz scheint es ein Rezept zu geben, das den Kindern diese Überlebenskraft zurückgibt.

Die Villa der Kinder ist rosa. Sie steht in Reichersbeuern bei Bad Tölz. Ihre Farbe ist ein Klecks Hoffnung für all die unschuldigen Seelen, deren Vergangenheit alles andere als rosig war. Riesige Schlafsäle, wenig Essen, strenge Regeln – so stellt man sich das Leben in einem Kinderheim normalerweise vor. Zumindest als Erwachsener.

Fragt man hingegen zehnjährige Kinder, die relativ sorgenfrei mit Vater und/oder Mutter aufwachsen, so überrascht deren Antwort: „Ein Kinderheim? Da wohnen zwei bis drei Kinder in einem Zimmer und spielen miteinander.“ Sie bekämen auf jeden Fall reichlich zu essen, würden nachmittags mit den Betreuern Hausaufgaben machen, um anschließend wieder miteinander zu spielen.

Die Welt aus Kinderaugen

Auf die Idee, dass es den Kindern im Heim schlecht gehen könnte, kommen die Zehnjährigen nicht. Natürlich würden die Kinder ihre Eltern vermissen, sagen sie, aber warum sollten die Betreuer gemein zu ihnen sein? Es sei nur logisch, wenn die erwachsenen Beschützer nett zu den Kindern sind, wo sie doch keine Eltern mehr haben.

Eine kindliche, naive Denkweise, wie sie nur jemand haben kann, der bislang noch nichts Schlimmes erlebt oder gehört hat. Dass die Realität in vielen Einrichtungen oft eine andere ist, davon wissen die Zehnjährigen nichts.
Sie haben keine Ahnung, dass ihre Altersgenossen manchmal wie Gefangene herumkommandiert, gemaßregelt, nicht beachtet oder gar geschlagen werden.

Die Küche ist der Treffpunkt für alle.

Und dass der Begriff „Liebe“ ein Fremdwort für sie ist, an dessen Übersetzung sie heute noch zu knabbern haben. Und dann wissen sie auch nicht, dass genau das der Grund ist, warum ihnen keine Zeit und Kraft bleibt, der Welt Vertrauen zu schenken.

Verbote machen nicht Halt vor Vertrauen

Von außen sieht das Kinderheim Villa Südwind aus wie ein normales Haus. Es steht in Reichersbeuern bei Bad Tölz – mitten in einem Wohngebiet. Niemand käme auf die Idee, dahinter ein Heim für Kinder zu vermuten. Vor der Villa liegen ein paar umgekippte Plastiktische. Hinter einer riesigen Glasfront im Erdgeschoss sind ein Tischkicker und ein Klavier zu sehen. Im Garten nebenan eine Schaukel. Gespielt wird nirgendwo.

Das Haus wirkt verlassen. Die Klingel scheint defekt zu sein, vielleicht hat sie auch jemand ausgeschaltet. Eine Minute vergeht. Durch ein geöffnetes Fenster im ersten Stock hört man Stimmen. Was sie sagen, versteht man allerdings nicht. Vom Eingangsbereich aus blickt man direkt ins Haus. Links hängen mehrere Jacken an einer Garderobe. Ihren Größen nach zu urteilen gehören sie keinem Erwachsenen. Schuhe liegen kreuz und quer vor einem Treppenaufgang.

Verbote machen nicht Halt vor Vertrauen

In diesem Moment kommt zufällig ein Junge von etwa acht Jahren die Treppe herunter. Neugierig öffnet er die Tür. Eigentlich darf er das nicht, sagt die Betreuerin später. Vertrauensvoll führt er seinen Besuch nach oben zu den anderen. Auch das darf er eigentlich nicht. Dort sitzt Sozialpädagogin Kathrin mit ihren Schützlingen am Küchentisch und spielt „Mensch ärgere Dich nicht“.

Schlaf- und Spielplatz der Kleinen.

Vier Jungs und vier Mädels, teilweise Geschwister, im Alter zwischen sieben und dreizehn Jahren betreut sie hier derzeit. Es sind keine Vollwaisen, sondern Kinder, deren Eltern entweder mit der Erziehung überfordert oder deren eigene Probleme so groß sind, dass sie zu Lasten der Kinder gehen.

Ein Heim für Kinder

Sechs der Kinder waren von Anfang an dabei, erzählt Kathrin, das heißt seit Bestehen des Kinderheims im Sommer 2015. Einige kommen aus Plegefamilien, andere nutzen die Villa als Zwischenstation, damit sie sich nach der Rückkehr in ihre Familien wieder im Alltag zurechtfinden. Bevor Kathrin die Kinder auffordert, den Tisch zu verlassen und sich kurz allein zu beschäftigen, spielt sie mit ihnen die Runde zu Ende.

Dann erzählt sie, warum die Kinder in der Villa Südwind leben. Sie spricht von „unglücklichen familiären Zusammenhängen“ sowie von „unliebsamen physischen und psychischen“ Attacken, die die Kinder zu Hause hätten aushalten müssen. Dennoch lege man „großen Wert darauf“, den Kontakt zu den Eltern zu pflegen. „Eltern bleiben Eltern“, sagt Kathrin. Es gebe auch Kinder, bei denen ein Elternteil weggebrochen sei. Job und Kind unter einen Hut zu bringen, damit sei der übriggebliebene Part schlichtweg überfordert gewesen.

Ohne Regeln geht es nicht

Die Villa Südwind biete den Kindern eine gute Basis für die Zukunft sowie die Chance, dass sie ihr Leben neu gestalten, sagt Kathrin. Damit ein Zusammenleben überhaupt klappe, müsse der Alltag „fest strukturiert“ sein. Ohne Regeln und Pflichten funktioniere es nicht. Aus diesem Grund gehen die Kinder ganz normal zur Schule und pflegen den Kontakt zu anderen.

Auch Besuche von Freunden sind in der Villa gern gesehen. Mahlzeiten werden – wie in einer Großfamilie – gemeinsam eingenommen. Das Mittagessen bereitet eine Wirtschaftskraft zu. Dabei liege der Fokus vor allem auf einer gesunden Kost mit frischen, regionalen Produkten, sagt Kathrin.

Ohne Genehmigung hat hier kein fremder Zutritt.

An manchen Tagen kochen die Großen selbst, an anderen ist es eine Mutter, die sich dieser Aufgabe annimmt. Nach dem Mittagessen steht die Ruhe- und Hausaufgabenzeit auf dem täglichen Plan. Externe Helfer greifen bei schulischen Problemen unter die Arme. Arzttermine, Kurse, Hobbys und sportliche Aktivitäten der Kinder organisieren die Sozialpädagogen und Erzieherinnen.

Fegen, wischen, abwaschen, aufräumen, Zimmer putzen und Müll wegbringen – all das gehört zu den Alltagspflichten der jungen Heimbewohner. Alles Dinge, die auch in einer normalen Familie von jedem Familienmitglied abverlangt werden. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, sagt Kathrin und lächelt.

Die Kinder sollen lernen, Verantwortung und Pflichten zu übernehmen. Und das in einer möglichst „gesunden Umgebung“, von der Kleidung angefangen über das Essen bis hin zu einer von Geduld und Geborgenheit geprägten Atmosphäre.

Wie das Selbstbewusstsein der Kinder gestärkt wird

Ein etwa sechsjähriger Bub stürmt in die Küche: „Die lassen mich nicht ins Bad“, ruft er Kathrin zu. Er ist den Tränen nahe. Sie beruhigt ihn kurz, dann saust der Kleine wieder zu den anderen. Tag und Nacht sind Kathrin und ihre Kolleginnen für die Kinder da. Eine von ihnen schläft immer in der Villa.

Jeder im Betreuungsteam bringe eine Zusatzausbildung mit, sagt Kathrin. So profitieren die Kinder in der Villa im Alltag nicht nur von Heilbehandlungen wie Ergotherapie, sondern können sich auch beim Töpfern ausleben. „Alle, die hier arbeiten, geben ihr letztes Hemd“, sagt die Sozialpädagogin nicht ohne Stolz.

Es geht darum, das Selbstbewusstsein der Kinder aufzubauen, und ihnen die Stärke zu geben, die in ihren kaputten Familien nicht da war.

Deshalb sei man bestrebt, den Kindern vor allem positive Formulierungen mit auf den Weg zu geben. Man schaue auf jedes einzelne Kind und gebe ihm die Aufmerksamkeit, die es braucht. Kinder, die aus der Reihe tanzen und „alles durcheinanderbringen“, nehme man im Extremfall aus der Gruppe, so Kathrin. Nichtsdestotrotz brauche man ein dickes Fell und dürfe das teilweise aggressive Verhalten der Kinder nicht persönlich nehmen.

Die Kinder machen sich ihre eigene, kleine Welt

Weil das Kinderheim so klein ist, ist es wenig bekannt. „Wir wohnen in der Villa Südwind“, erzählen die Kinder außerhalb ihres Heimes stolz. Sie sprechen dann von „Internat“, nicht von „Kinderheim“. Die Villa ist ihr Zuhause und keine Einrichtung. Es ist ihre eigene kleine Welt, die sie sich bunt machen.

Ihre kleine Welt, das ist Südwind. Eine gemeinnützige GmbH, die durch Tagessätze des Jugendamts und durch Spenden finanziert wird. Halbjährlich führen die Sozialpädogogen und Erzieherinnen deshalb Gespräche mit dem Jugendamt. Dann werden Hilfepläne und neue Ziele ausgearbeitet. In regelmäßigen Abständen kontrolliert die Behörde, ob diese Ziele eingehalten werden, und ob es den Kindern gut geht.

Es ist schattig, wenn die Schaukeln still stehen…

Zur Weihnachtszeit werden von der Villa Südwind aus Tannenbäume in den Geschäften verteilt, an denen Sterne mit Geldbeträgen in Höhe von fünf bis fünfzig Euro hängen. Jeder Kunde, der einen solchen Stern kauft, unterstützt das Kinderheim mit seiner Spende. Vom Geld der verkauften Sterne werden dann Weihnachtsgeschenke für die Kinder gekauft, oder Psychologen finanziert, die schwer zu bekommen sind. Viele Psychologen hätten nämlich keine kassenärztliche Zulassung, sagt Kathrin.

Zuhause ist da, wo die Liebe wohnt

Auch wenn die Einrichtung in den Zimmern der Kinder mit einem Bett und einem Schreibtisch eher spärlich als kunterbunt ist, so stehen alle Zeichen auf rosa, dass sie in diesem Haus Schutz und Geborgenheit finden. Denn genau das war das Ziel von Camilla von Berg, die zusammen mit ihrem Mann die Villa vor drei Jahren angemietet hat: Vernachlässigten Kindern ein Zuhause zu geben.

Das Ehepaar hat selbst zwei leibliche Kinder und immer wieder Pflegekinder in der Obhut. Die beiden wissen, was es heißt, wenn Kinder emotional missbraucht werden. Wenn Eltern handgreiflich werden oder Alkoholprobleme haben, und deren Kinder dann die Schuld bei sich suchen. In der Villa soll ihnen mit Liebe und Humor diese schwere Last genommen werden.

Kathrin ruft ihre Schützlinge zusammen. Ein Spaziergang steht an – zu den Pferden auf der Nachbarkoppel. Die Gesichter der Kinder strahlen. Ihre kleine Welt ist für einen Moment zum Taka-Tuka-Land geworden. Unkonventionell. Problemlos. Heil. Und mit jedem Schritt, den sie in Richtung Koppel wandern und winken, ist zu spüren, dass sich Schorf auf ihren tief sitzenden Wunden bildet. Eingeprägt hat sich nur die Bemerkung eines Jungen, die in diesem Augenblick nachdenklich stimmt: „Berühmt werden? Das will ich nicht.“

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