Donnerstag, Oktober 17, 2019

Eine Tegernseer Weihnachtsgeschichte

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Eine Tegernseer Weihnachtsgeschichte

Das Jahr neigt sich dem Ende. Zeit, um mit einer kleinen Story Abschied zu nehmen.

Es ist finster im Wald. Am dürr’n Bach plätschert der letzte Rest Klarheit im unaufhörlichen Strom des immer wiederkehrenden, weihnachtlichen Chaoses. Was für ein mieser Bach, schießt es mir wie eine Kogel durch den Kopf. Anstatt das Moos rainzuwaschen, und sich wie eine Scharlinge um jeden focken Stein zu legen, könnte er seine Teilnahmslosigkeit am geschäftigen Treiben auch anders ausdrücken.

Der Wind bläst aus Ost – ihn ignoriere ich. Mein verzweifelter Versuch, mich an den Schaft dieser Lache zu klammern, lässt meine Zunge zu einem „G“ im Mund gefrieren. Ich merke, wie ich immer stinker werde und mich ins Eck verziehe. Genauer gesagt setze ich mich ins Moos rain. Und fühle mich wie ein Bauer in der Au.

Jenseits des Baches entdecke ich ein Kaninchen im Schnee. Da mir der Mund noch immer zugefroren ist, und mich das „K“ nicht reut, lasse ich es einfach weg, spreche fortan nur noch von Aninchen und nenne es Louise. Es gibt bestimmt nicht viele Louisen im Tal, denke ich mir noch, bevor sich in meinem Gehirn ein Wall an Berghasen aufbauen kann.

Weihnachten – alles staut sich plötzlich im Dach meines Kopfes beim Gedanken an die eigentlich staade, aber für mich doch sehr stressige Zeit. Vielleicht sollte ich erst einmal ein Bad in der Wies‘e nehmen, rumort es dumpf aus dem Kalkofen meines inzwischen feuchtgewordenen Getriebes. Ein bütten Papier wäre jetzt von Vorteil. Ich will ja nicht wie ein Stubentiger auf dem Boden flacken.

Zeit, meine Sinne zu schärfen. Zielgerichtet entere ich den Fels neben mir. Oben auf der Point niese ich dreimal. Nennt sich Trinis. Bin heute mal ein echter Bayer im Wald. Die machen das so. Die lassen nicht mit Worten den Winner raushängen, sondern mit Taten. Die packen an und quatschen nicht lang. Gibt doch genug Dampfplauderer, die ihr Holz nicht vor der Glashütte haben, und trotzdem in die Kirchen geh’n.

Apropos Kirchen. Da fällt mir wieder Weihnachten ein. Und schorn ist sie wieder da, die Angst vor der Hektik. SOS möchte ich da am liebsten Richtung Westufer schreien. Es ist, als ob der Boandlkramer in die Stille prescht, um mich daran zu erinnern, dass dies nunmal zum alljährlichen, göttlichen Schicksalsablauf gehört. Ach, ich weiß. Ach, nur fällt es mir so schwer, mich damit anzufreunden. Wenn ich schon in der Gasse festsitze, dann möchte ich nicht auch noch in der sprichwörtlichen Wolfsgrub landen.

Habt Ihr gemerkt, dass das „Ell“ etwas mau klang? Liegt an diesem rotzigen Tach. Ich schmeiß’ jetzt einfach meinen Ring in den See und wünsch‘ mir was. Schorsch riet mir, bevor ich mich vorhin von ihm verabschiedet hatte, meine Stimmung nicht in der Mangfall zu verlieren. Du weißt, dass ich Dich zum Tee gern seh‘, hatte er mir noch hinterher gerufen. Der erloschene Aschehaufen in mir, ich bezeichne ihn liebevoll Brandstatt, beginnt auf einmal wieder zu glühen.

1000 Enten rottieren im Dach meines Oberstübchens, und ich empfinde auf einmal so etwas wie Freude. Die Buchstaben B-O-B kommen mir spontan in den Sinn. Wenn damit gemeint ist, dass ich pünktlich zum Fest dahoam bin, wunderbar. Bless our Bullets schreie ich meinem Spiegelbild entgegen. Und damit meine ich nicht nur die Kugeln am Baum, sondern auch die edlen Tropfen, die unaufhörlich und ungestört am Stein der Zeit nagen. Wie gut es doch ist, ab und an abzutauchen, um seine Sinne zu schärfen.

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