Donnerstag, November 14, 2019

Biker sind die Bösen? Bullshit.

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Biker sind die Bösen? Bullshit.


Sie treten im Kollektiv auf und tragen schwarze Lederkutten, Totenkopfmasken und Schlüsselketten. Ihre Tage verbringen sie im Sattel schwerer Motorräder. Ihr Codewort: Rocker. Klingt dunkel und kriminell. Wie einige Harley-Fahrer deshalb versuchen, gegen das Image des bösen Bikers anzukämpfen…

Laut und selbstbewusst biegt die kultige Motorrad-Marke aus Milwaukee um die Ecke. Im Leder der Harley Davidson sitzt ein Bär von einem Mann, dessen Lederweste mit zahlreichen Stickern bedeckt ist. Seine Körperfülle fällt angesichts der 400 Kilogramm schweren Maschine kaum ins Gewicht.

Rolf Feige

Staunend beobachten die Umstehenden, wie der Typ den Motor seiner Maschine hochjagt. Dann bringt er sie zum Stehen. Ein Junge mit kurzrasiertem Haar fällt auf die Knie. Wer glaubt, es sei der blitzende Chrom, der ihn getroffen hat, irrt. Es ist die musikalische Wucht des Triebwerks, die ihn fast ehrfurchtsvoll nach unten sacken lässt. Und die Neugier für dessen Herkunft.

Diejenigen, die sich wie er vom dröhnenden Geräusch haben anlocken lassen, stehen an den Rand gedrängt und warten auf den richtigen Augenblick. Sie sind Bürger Schönbrunns und gehören zu den rund 650 Menschen, die in diesem Dorf eine Behinderung haben. Die restliche Bevölkerung – und das sind etwa 100 Personen – ist frei von jeglichen Handicaps. Zumindest laut Statistik.

„Man kann keinen vollkommenen Tag erleben, ohne etwas für jemanden zu tun, der niemals in der Lage sein wird, es dir zu vergelten.“ John Wooden

Rolf Feige ist an diesem ersten Wochenende im Juli einer der Motorradfahrer, die im Stundenrhythmus um die Ecke biegen. Der 56-Jährige ist Gründer der Harley Friends Hallertau, eine Vereinigung begeisterter Biker, die hier, auf dem Schönbrunner Dorffest im Landkreis Dachau, ihre Leidenschaft fürs Motorradfahren mit anderen teilen. Seit drei Jahren sind sie ein fester Bestandteil des Festprogramms und bieten ihre Rundfahrten kostenlos an.

Selbst der Himmel auf Erden kommt nicht ohne Essen aus.

Mit der Harley unterm Hintern schmettern sie allen interessierten Dorfbewohnern den Fahrtwind um die Ohren. Lachend schieben sie den Dreck beiseite, wenn die Straße Staub hochwirbelt. Der Schweiß, der unter ihrer Lederkluft und auf der Stirn pappt, trocknet schnell angesichts der strahlenden Augen, die ununterbrochen zu ihnen aufschauen. Dafür geben sie zwei Tage lang Gas.

Motoren heulen. Die Zuschauer kommen auf Touren. Heiß gelaufen fiebern sie der nächsten Runde entgegen. Aus der Menge entspringt ein rundes und flaches Gesicht, aus dessen offenem Mund Speichel rinnt. Als das Gesicht Farbe bekommt, hat Rolf Feige einen neuen Beifahrer und das fünfte Lächeln an diesem Tag im Rücken. Ein Lächeln, dessen einzige Verpflichtung darin besteht, zu sein. Und auf einmal ist die Verletzlichkeit gegenüber dem Augenblick spürbar.

Den Dreck hinter sich lassen

Ein Gefühl, nach dem sich viele sehnen. Aber nicht jeder kann es sich leisten, den „Easy Rider“ zu spielen. Rolf Feige ist sich dessen bewusst. Heute, als Rentner mit Zopf, genießt er jeden Tag, an dem er sich noch im Sattel halten und Zeit schenken kann. „Ich habe alles, außer Krebs und HIV“, sagt er lächelnd. Sein Job als Vertriebler war anstrengend. Dann dreht er erneut am Gas. Jetzt hat noch etwas Anderes: Spaß.

Seine Freunde tun es ihm gleich. Auch die nächsten 111 Runden werden die Biker nicht müde, für ein ganzes Dorf aufs Gaspedal zu treten. Ihre Maschinen, die den amerikanischen Traum von Freiheit, Individualität und Männlichkeit verkörpern, geben ihnen Kraft und Energie. Während das Rocker-Schwarz, das an ihrer Haut und am Image klebt, mit jeder Rundfahrt heller wird, wollen die Menschen, die am Rand stehen, ganz tief einsinken ins Schwarz der breiten Ledersessel. Etwas Halt für ein paar Minuten.S

Eine Win-Win-Situation. Eine, für die die Harley Friends Hallertau freiwillig ihre Stammtischkasse plündern. Die Dorfbewohner danken es ihnen, indem sie die Arme nach oben reißen, die Fahrer umarmen oder zwei Euro bezahlen. Rolf Feige und seine Männer quittieren diese Herzlichkeit in cooler Rockermanier: Lässig abwinkend.

Soul of Street

In ihren Maschinen, die mehr als ein kleines Auto kosten, schwingt der Sound einer Generation mit, die sich nichts mehr beweisen muss. Es ist die Klangfarbe einer Altersklasse, die sich  mit bärbeißigem Gesichtsausdruck an Tempolimits hält, an roten Ampeln stoppt und nur dann aufmuckt, wenn sich warmer Platzregen in kalten Hagelschauer verwandelt.

Der Regen hat sie nicht weichgespült, und doch bröckelt der harte Kern, den man ihnen immer wieder anhängt. In Schönbrunn, einem vom Franziskuswerk geprägten Dorf, in dem vorwiegend Menschen mit Behinderung leben, nimmt man diese Brocken, um damit eine grüne Wiese einzugrenzen. In dieser Mitte wird dann getanzt, gelacht, gesungen, gegessen und getrunken. Und während einige beim Catering helfen oder dreckiges Geschirr einsammeln, poliert Rolf Feige mit seinen Harley-Freunden, etwas abseits vom Geschehen, das Image der Rocker auf.

Wieder heulen Motoren auf. Das runde, flache Gesicht hat noch immer Farbe. Nur steht es jetzt wieder am Rand. Seine Kolorierung verliert es erst, als das laute Geräusch der Harley-Motoren das allerletzte Mal an diesem Tag zu hören ist. Ein kurzes Aufblitzen von Chrom, dann verschwinden die Kultmotorräder – laut Rolf – wie „barocke Schrankwände im Wind“.

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