Samstag, September 21, 2019

Ein Mode-Rebell brennt in Leder

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Ein Mode-Rebell brennt in Leder

Michael Thalhammer

Das Meer ist seine Kirche. Die Berge sind seine Heimat. Der Himmel liegt bei Michael Thalhammer auf einem Holztisch in Sauerlach bei München. Kein Blau mitten im Wolkenweiß, sondern blaue Stiche mitten im braunen Hirschleder. Hier hat der 42-Jährige seinen Traum verwirklicht: „Tattoos“ in Lederhosen.

Vier Jahre ist es her, seit Michi Thalhammer mit dieser Idee startete. Heute hat der gelernte Sozialpädagoge seinen eigenen Laden, dessen Name so legendär wie einprägsam ist: Brandner und Kneißl. Zwei bayerische Figuren, deren Galgenhumor vermutlich genauso unvergessen bleibt wie Thalhammers Geschäftsidee.

„De Woch fängt ja schon guat o“ soll der zum Tode verurteilte bayerische Räuber und Volksheld Mathias Kneißl auf dem Weg zur Guillotine trotzig geraunt haben. Während der Brandner Kasper dem Schicksal mit ähnlicher, vorgetäuschter Heiterkeit entgegentrat, als er mit viel Schnaps und Geschick den Tod überlistete.

Das Schicksal macht die Lederhosen

Michi Thalhammer umgarnt seine Lederhosen. Und wenn er dann wui, lässt er den Teufel nochmal raus. Schon als kleiner Junge gehörte das wunderschöne Stück Haut an seinen Beinen zur Grundausstattung. Als Gitarrist und Sänger der Wiesn-Band „Wuidara Pistols“ hatte er seinen eigenen Kopf. Insbesondere, wenn es um sein Outfit ging. Für seine Auftritte ließ er sich das Bandlogo – einen Totenkopf mit Gamsbart – in die Lederhose sticken. „Das war damals sehr spuky für das Trachtengeschäft“, erinnert sich Thalhammer. Bequem zu tragen sei die Hose dann allerdings nicht gewesen. Durch die Stickerei war sie viel zu steif geworden.

Nach sechs Jahren beendete der 42-Jährige seine Musikkarriere. „Ich musste irgendwann den Absprung schaffen, wenn ich nicht als Witzfigur auf der Bühne enden wollte“, sagt er heute. Seine Leidenschaft für Musik wandert also in die Idee, ein Tattoo-Studio zu eröffnen. Immerhin hat er selbst zahlreiche Tätowierungen an seinen Armen. Darunter das Logo seiner Lieblingsband Pearl Jam, eine Palme, diverse Instrumente.

Irgendwann fällt ihm der Großvater ein. Zu Lebzeiten hatte dieser eine Holzbrandmalerei betrieben und aus Jux Sprüche in Holz gebrannt. „In seiner Wohnung hingen überall Schilder und Wegweiser, die die Welt nicht braucht“, lacht Thalhammer. „Warum also nicht auch Motive in Lederhosen brennen?“ denkt sich Thalhammer und probiert es mit einem klassischen Lötkolben auf einem Stück Hirschleder aus. Es funktioniert. Sein Ziel: Bequeme Lederhosen für Jedermann.

Aloha Bavaria – DAS Lebensgefühl am Körper

Ein Jahr arbeitet er an seinem Business-Plan, bis er schließlich eine spezielle Branding-Methode entwickelt und das Unmögliche schafft: Seine Stickereien sitzen. Genauso wie die Hosen. Ihre Schnitte sind jetzt anders. Die Leibhöhe ist verkürzt, die Beine gerade. Damit sind sie nicht nur lässiger als andere, sondern auch einzigartig. Als Vorlage dient dem jungen Unternehmer, der das Surfen und das Meer über alles liebt, seine Boardshorts.

Unter dem selbst entworfenen Surf-Label „AlohaBavaria“ verkauft er den bayerischen Surfstyle weiter: darunter verschiedene Strand-Accessoires wie Gürtel, T-Shirts, Taschen, Sonnenbrillen und Schmuck. In der zweiten Aprilwoche ging er mit seinem Surf-Label erstmals online. Für ihn ist es mehr als nur eine Marke. Es ist ein Label für Menschen, die das Meer im Herzen tragen. Oder wie Thalhammer sagt: „Es ist eine zum Leben erweckte Einstellung, eine Begrüßung.“

Aloha bedeutet für ihn ein Leben ohne Grenzen. Weder im Kopf noch auf der Welt. Aloha sind Berge und Wasser ohne Besitzanspruch. Traditionen ohne Engstirnigkeit. Ein Miteinander statt Gegeneinander. In Grenzen zu denken, mache ihn traurig, sagt der Mann mit Surferfrisur unter dem Cappi, der alles perfekt machen will und dadurch selbst oft an Grenzen stößt.

„Ich habe den Punk im Herzen, und bin ein Spießer im Leben.“

Er wolle nicht die Welt retten, wiegelt der 42-Jährige ab, aber zumindest einen positiven Beitrag leisten. Das hat er geschafft. Seine Produkte sind mehr als stylisch. Sie sind der Inbegriff eines Lebensgefühls, das in die Welt hinausgetragen wird. Sie symbolisieren das Einreißen verstaubter Barrieren, wenn bayerische Frauenbeine in seinen Lederhosen stecken.

Viele glauben, Michael Thalhammer sei ein Freak. Sie irren. Im Grunde seines Herzens ist er ein Spießer. Einer, der die Ruhe liebt. Der lieber am Meer oder im heimischen Garten sitzt als in lauten Diskotheken. Einer, der es vorzieht, die Natur zu vergöttern, anstatt sie zu quälen. Der andere erst glücklich sehen will, bevor er zum Bier greift. Einer, der sich jeden Tag über Kleinigkeiten ärgert, aber die großen Auseinandersetzungen als „belüftend“ empfindet. Einer, der kein Arsch sein will. Und der  seinen eigenen immer wieder hochhebt, wenn er auf ihn gefallen ist. Zu dem Sound, der ihn schon sein ganzes Leben begleitet: „Keep on rockin‘“ von Neil Young.

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